Die Retter aus der Luft in Saalbach

AUS DEM bike’n soul MAGAZIN 2018:

Sie sind für viele die Engel der Lüfte und oftmals wichtigstes Glied in der Rettungskette. Das teils unwegsame Gelände macht einen Einsatz dieser Herren und Damen unumgänglich – vor allem wenn es schnell gehen muss.
Die Rede ist von den Flugrettern in Saalbach Hinterglemm. Was die wenigsten wissen, die Flugretter sind auch selbst gerne am Freeride-Bike unterwegs. Mit tiefstem Respekt und tosendem Trommelwirbel dürfen wir euch den Flugretter Thomas Ferner vorstellen. Ein athletischer Rider der die Steilkurven im Bikepark wie die Hubschrauberflüge hoch über euren Köpfen liebt.

Ferner Tom - Bergretter aus Saalbach

bike’n soul Magazin (B): Servus Tom, danke, dass du dir für das bike’n soul Magazin Zeit nimmst. Du bist ja unter anderem als Flugretter in Saalbach Hinterglemm tätig und selbst leidenschaftlicher Downhiller. Passt das zusammen?

Ferner Thomas (FT): Ja ich bin seit 23 Jahren als angestellter Notfallsanitäter beim Roten Kreuz in Saalbach tätig, seit 2004 arbeite ich in diesem Rahmen auch teilweise als Flugretter beim Hinterglemmer Notarzthubschrauber “Martin 6”.
Natürlich passieren beim Downhill-Sport, wie bei allen anderen Outdoor Aktivitäten auch, immer wieder Unfälle.
Ich habe auch überlegt ob das Downhillen mit meinem Beruf zusammen passt, da man ab und zu natürlich auch schwerer verletzte Sportler abtransportiert.
Meine Kinder wollten aber unbedingt biken und so habe ich es dann versucht. Doch ich bin es langsam angegangen. Eine absolut geniale Sache, Schutzausrüstung und geeignetes Bike vorausgesetzt. Gerade in unserer Region ist für jeden Geschmack etwas dabei.

B: Wenn ihr gerufen werdet, seid ihr ja binnen weniger Minuten am Unfallort. Wie läuft eigentlich so ein Rettungseinsatz mit dem Hubschrauber ab? Habt ihr hier antrainierte Standards?

FT: Grundsätzlich meldet jemand den Unfall an die Landesleitstelle des Roten Kreuzes unter der Notrufnummer 144. Durch ein standardisiertes Abfrageschema kristallisiert sich heraus, welche Einsatzmittel entsendet werden.
Wir bekommen dann einen Auftrag mit allen wichtigen Informationen wie Einsatzgeschehen, Adresse, Koordinaten, usw. auf unser Einsatzleitsystem ELEKTRA, welches sich auf unserem Handy befindet.
Gleichzeitig bekommen wir einen Alarm auf unsere Pager.
Wir begeben uns sofort zum Hubschrauber und sind nach ca. 3 Minuten in der Luft. Mit den Koordinaten ist es relativ einfach den Einsatzort rasch zu finden. Vor Ort wird nach einem Landeplatz gesucht. Sollte keine direkte Landung vor Ort möglich sein, versucht man den Notarzt schwebend aussteigen zu lassen, um die schnellstmögliche medizinische Versorgung zu gewährleisten.
Pilot und Flugretter suchen dann einen Landeplatz, um eine Seilbergung vorzubereiten und dann Notarzt und Patient abzuholen.
In Österreich wird großteils nicht mit Seilwinde, sondern mit Fixtau-System gearbeitet. Dabei hängt man am Zwischenlandeplatz das Seil an 2 Haken unter dem Hubschrauber an und der Flugretter wird vom Hubschrauber zum Einsatzort gebracht. Dabei gibt er dem Piloten über Funk Einweisekommandos.
Es gibt eigentlich für alle Verfahren definierte Standards.
 

Wir begeben uns sofort zum Hubschrauber und sind nach ca. 3 Minuten in der Luft.

B: Wie setzt sich das Team im Hubschrauber zusammen?

FT: Bei den meisten Notarzthubschraubern in Österreich setzt sich das Team aus einem Piloten, einem Notarzt und einem HEMS (Helicopter Emergency Medical Service) Crew Member – sprich Flugretter – zusammen.
Der Pilot ist für alle technischen Checks rund um den Hubschrauber, das abklären des Flugwetters und natürlich fürs Fliegen zuständig.
Der Notarzt kümmert sich um die medizinischen Belangen rund um den Patienten.
Meine Aufgabe als Flugretter besteht im Wesentlichen aus 3 Gebieten: beim Hinflug kümmere ich mich um den taktischen Funk und um die Koordinateneingabe, ich unterstütze somit den Piloten. Am Einsatzort bin ich für die Assistenz des Notarztes zuständig: hier ziehe ich zum Beispiel Medikamente auf, bereite das EKG vor oder helfe dem Notarzt bei Noteingriffen. Meine dritte Aufgabe besteht eben aus der vorher genannten Seilbergung, wenn diese erforderlich ist.

B: Du hattest selbst vor wenigen Monaten einen schweren Unfall mit deinem Downhill-Bike und musstest per Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Wie wichtig ist eigentlich eine schnellstmögliche Rettung?

FT: Ja ich hatte eine Kurve nicht mehr erwischt und bin gerade über den Anlieger hinausgeflogen. Mir hat einfach der ganze Körper weh getan und ich war nicht fähig aufzustehen. Für mich war die schnelle Bergung mit dem Seil, eine gute Schmerztherapie und der rasche Transport in das Krankenhaus sehr wichtig. Bei vielen Verletzungen ist einfach der schnelle Transport in ein geeignetes Krankenhaus von nöten, ich denke hier an stumpfe Bauchverletzungen. Oder auch Wirbelsäulenverletzungen, wo vielleicht nicht die Zeit aber der schonende Transport im Vordergrund steht. In meinem Fall war es so, ich hatte mir zwei Brustwirbel gebrochen.
Der grosse Vorteil des Notarzthubschrauber ist, dass man einerseits sofort einen Notarzt beim Patienten hat und andererseits auch rasch in einer Spezialklinik z.B. in Salzburg ist.

 

BIken_in_Saalbach_Leogang

 

B: Wie soll sich der Biker bei einem Unfall seines Kumpels am besten verhalten? Gibt es irgendwelche Tipps, wenn man alleine unterwegs ist?

FT: Wichtig ist einmal Ruhe zu bewahren und die Unfallstelle abzusperren, damit nicht ein nachfolgender Biker eine Gefahr darstellt. Dann sollte man schnellstmöglich einen Notruf absetzen. 144 oder wenn man Netzprobleme hat 112. Falls möglich, ist es sehr hilfreich wenn auch noch jemand zum Einweisen der Rettung oder des Notarzthubschraubers abgestellt werden kann. Von Vorteil wäre auch eine telefonische Erreichbarkeit des Anrufers auch nach dem Notruf, damit man nochmals wegen genauerer Ortsangabe zurückrufen kann.
Wenn man alleine unterwegs ist, sollte man unbedingt ein Handy mitführen.

Wichtig ist einmal Ruhe zu bewahren und die Unfallstelle abzusperren, damit nicht ein nachfolgender Biker eine Gefahr darstellt.

B: Wo siehst du das größte Problem bei Bike-Unfällen? Mangelnde Selbsteinschätzung?

FT: Mangelnde Selbsteinschätzung bzw. Selbstüberschätzung ist teilweise ein Problem. Aber ich glaube, dass einfach mal was passieren kann, wenn man viel unterwegs ist.
Mir fällt manchmal auf, dass einfach zu wenig Schutzausrüstung verwendet wird.

B: Ein Smartphone hat mittlerweile fast jeder Mountainbiker dabei. Macht es hier Sinn die GPS Ortung am Smartphone zuvor zu aktivieren, oder spielt das für euch eine eher untergeordnete Rolle?

FT: Für uns sind genaue Koordinaten sehr wichtig, da man den Einsatzort schneller finden kann. Koordinaten egal in welchem Format sollten beim Notruf angegeben werden. Diese helfen uns sehr weiter. Die Leitstelle hat ein Tool, welches alle Systeme in die von uns gebrauchten Koordinaten umwandeln kann.

 

Biker in Saalbach

 

B: Wie läuft ein typischer Tag am Hangar ab? Ist die Crew hier stationiert oder müsst ihr erst zum Hubschrauber-Platz mit dem Auto fahren?

FT: Die diensthabende Crew trifft sich um 7:00 am Stützpunkt, wo der Hubschrauberhangar und die Bereitschafts- und Ruheräume sind. Als erstes werden die ganzen Checks gemacht, um 7:30 wird dann bei der Leitstelle die Einsatzbereitschaft gemeldet. Nach einem gemeinsamen Frühstück, das übrigens auch sehr wichtig für die Zusammenarbeit des Teams ist, wartet man auf den ersten Alarm.
Jeder hat auch einen Ruheraum, in dem er sich zurückziehen kann. Dies ist besonders bei den langen Diensten im Hochsommer, bis ca 22:00 h, wichtig. Grundsätzlich dauert der Dienst von 07:00 h bis ECET (end of civil evening twilight / Ende der Bürgerlichen Abenddämmerung), das ist ca. 30 Minuten nach dem Sonnenuntergang.
 
B: Du musst dich ja auch abseilen, um Verletzte zu bergen. Hattest du hier auch mal den Anflug von Höhenangst?
 
FT: Eigentlich seilt man sich nicht ab sondern hängt das bis zu 70 Meter lange Seil an die Haken unter dem Hubschrauber und lässt sich dann von diesem wegheben. Der Verletzte wird auch dann wieder zum Zwischenlandeplatz gebracht und in den Hubschrauber eingeladen. Erst dann erfolgt der Weitertransport.
Höhenangst hatte ich bei der Arbeit noch nie, man ist ja sehr gut gesichert.

B: Gibt es auch Grenzen für die Flugrettung? Zum Beispiel das Wetter?

FT: Schlechtes Wetter und Nebel sind sicherlich das größte Problem, da der Hubschrauber – vereinfacht gesagt – ein Sichtfluggerät ist. Deshalb benötigt man immer eine gewisse Voraussicht, um überhaupt fliegen zu können. Es kann schon vorkommen, dass man z.B im Winter den Notarzt nur zur Mittelstation eines Skiliftes bringen kann und er dann mit Skidoo oder Pistengerät weiter fahren muss.
Auch die Dunkelheit ist zur Zeit noch ein Problem. Man kann zwar fliegen wenn keine Wolken sind und gewisse Sicht gegeben ist, aber es ist nicht optimal. Diese Situation wird sich aber in nächster Zeit mit der Einführung der NVGs (Night Vision Goggles Nachtsichtbrillen) ändern.

 

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LG MANUEL

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